Scaffolding

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Scaffolding (wörtlich: „Baugerüst") bezeichnet eine zeitlich begrenzte sprachliche und inhaltliche Unterstützung, die einer lernenden Person hilft, eine Aufgabe zu bewältigen, die sie allein noch nicht schaffen würde – und die schrittweise abgebaut wird, sobald die eigene Kompetenz wächst. Im sprachsensiblen Unterricht gilt Scaffolding als zentrales Rahmenkonzept, um fachliche und sprachliche Lernziele gleichzeitig zu verfolgen.

Ursprung und Grundidee

Der Begriff wurde von Wood, Bruner und Ross geprägt, die scaffolding als Prozess beschrieben, der es einem Kind oder einer lernenden Person ermöglicht, ein Problem zu lösen oder ein Ziel zu erreichen, das ohne Unterstützung außerhalb der eigenen Reichweite läge.[1] Theoretisch knüpft das Konzept an Lew Vygotskys „Zone der nächsten Entwicklung" an – den Abstand zwischen dem, was eine Person allein leisten kann, und dem, was sie mit Unterstützung einer erfahreneren Person oder eines kompetenteren Gegenübers leisten kann. Vygotsky selbst verwendete den Begriff scaffolding allerdings nicht.[2]

Zentral für das Konzept ist, dass die Unterstützung erstens vorübergehend ist und zweitens gezielt wieder abgebaut wird – anders als bei einer dauerhaften Vereinfachung der Aufgabe, die das Anforderungsniveau nicht anhebt.

Makro- und Mikro-Scaffolding

Für den Sprachunterricht wurde das Konzept vor allem von Pauline Gibbons ausgearbeitet, die es auf Zweitsprachlernende im Regelunterricht (nicht nur im gesonderten Sprachförderunterricht) anwendet und zwischen zwei Ebenen unterscheidet:[3]

  • Makro-Scaffolding – die langfristige, vorausschauende Unterrichtsplanung: Welche sprachlichen Hürden hat eine Aufgabe, und welche Hilfen (Wortspeicher, Redemittel, Textmuster) werden vorab bereitgestellt?
  • Mikro-Scaffolding – die spontane Unterstützung im Unterrichtsgespräch: gezieltes Nachfragen, Umformulieren, Weiterführen von Schülerbeiträgen im Moment der Interaktion.

Im deutschsprachigen Raum wurde das Konzept insbesondere von Josef Leisen für den sprachsensiblen Fachunterricht aufgegriffen und mit konkreten Methoden (Wortspeicher, Satzbaukästen, Textgerüste) verbunden.[4]

Bedeutung für den DaF-/DaZ-Unterricht

Scaffolding erlaubt es, Lernende mit unterschiedlichem Sprachstand an derselben Aufgabe arbeiten zu lassen, ohne das inhaltliche Anforderungsniveau abzusenken: Wer noch wenig Sprache hat, erhält mehr Gerüst (Wortkarten, Satzmuster, vorstrukturierte Interaktion), wer sprachlich sicherer ist, kommt mit weniger Unterstützung aus oder springt Zwischenschritte. Damit ist Scaffolding ein zentrales Prinzip der Binnendifferenzierung im sprachlich heterogenen Unterricht.

Wichtig ist die Unterscheidung zu bloßer Vereinfachung: Scaffolding reduziert nicht dauerhaft die fachliche Komplexität, sondern die sprachliche Zugangshürde – und zwar nur so lange, bis die Lernperson die Aufgabe auch ohne diese Hilfe bewältigen kann.

Beispiel aus dem Unterricht

Bei der kooperativen Lernmethode Placemat lässt sich der Abbau des Sprachgerüsts über eine ganze Aufgabensequenz hinweg beobachten: Ein Wortspeicher mit Bild und Satzmuster liefert zunächst den vollständigen Wortschatz, in der Einzelschreibphase reicht ein einzelnes Wort oder Bildkärtchen, beim Lesen der Beiträge anderer Gruppenmitglieder dient deren Sprache bereits als Modell, und für die abschließende mündliche Konsensfindung braucht es nur noch Redemittel für Zustimmung und Begründung. Am Ende steht die freie Präsentation ganz ohne vorgegebenes Gerüst. Ein vergleichbares, stufenweises Vorgehen (Wort → Satz → Frage → freie Präsentation) findet sich auch bei der Vier-Ecken-Methode.

Scaffolding und H5P (ZUM-Apps)

Makro-Scaffolding – die vorausschauende Planung – lässt sich mit H5P gut vorbereiten; Mikro-Scaffolding dagegen, die spontane Reaktion im Unterrichtsgespräch, kann ein statischer digitaler Inhalt grundsätzlich nicht ersetzen. Ein H5P-Inhalt kann aber ein digitales Äquivalent bieten: unmittelbares, erklärendes Feedback auf jede einzelne Antwort, statt nur richtig/falsch zu markieren.

Element des Scaffolding Passender H5P-Inhaltstyp Hinweis
Wortspeicher (Vorentlastung, Makro-Scaffolding) Dialog Cards (H5P) oder Image Hotspots (ZUM Edition) Begriff, Bild und kurze Erklärung vor der eigentlichen Übung bereitstellen
Satzmuster/Redemittel als Gerüst H5P.Blanks (Lückentext) Tipp-Funktion (":") zeigt bei Bedarf eine Formulierungshilfe, ohne die Lösung vorwegzunehmen
Stufenweiser Abbau der Hilfe mehrere Fragen in einem H5P.Question Set, mit sinkendem Hilfeanteil z. B. erste Fragen mit Bildstütze/Tipp, spätere ganz ohne
Unmittelbares Feedback als digitales Mikro-Scaffolding chosenFeedback/notChosenFeedback bei H5P.MultiChoice jede Antwortoption erklärt den Fehlertyp, nicht nur „falsch" – siehe Verständnischeck unten
Freie Produktion ganz ohne Gerüst H5P.Essay offene Aufgabe, ggf. mit stichwortbasiertem Feedback statt vorgegebener Struktur

Was H5P *nicht* leisten kann: die eigentliche Pointe von Mikro-Scaffolding, das gemeinsame, situative Weiterformulieren einer unvollständigen Schüleräußerung im Gespräch, bleibt an die Lehrkraft gebunden. H5P kann diese Interaktion vorbereiten und nachbereiten, aber nicht ersetzen.

Kritik und offene Fragen

  • Wird das Gerüst nicht rechtzeitig abgebaut, kann daraus eine dauerhafte Abhängigkeit von der Unterstützung entstehen, statt eigenständiger Lernerautonomie.
  • Wann genau eine Hilfe reduziert werden sollte, ist keine exakte Wissenschaft, sondern verlangt die fortlaufende Einschätzung der Lehrkraft – ähnlich wie bei der Fehlerkorrektur.
  • In sehr heterogenen Gruppen ist es aufwendig, für unterschiedliche Sprachstände gleichzeitig passende Gerüste bereitzustellen.
  • Der Begriff wird in der Praxis teils inflationär für jede Art von Hilfestellung verwendet, wodurch die ursprüngliche Pointe – zeitlich begrenzt und gezielt abbaubar – verloren gehen kann.

Siehe auch

Literatur

  • Wood, David J. / Bruner, Jerome S. / Ross, Gail (1976): The Role of Tutoring in Problem Solving. In: Journal of Child Psychology and Psychiatry, 17, S. 89–100.
  • Vygotsky, Lev S. (1978): Mind in Society: The Development of Higher Psychological Processes. Cambridge, MA: Harvard University Press.
  • Gibbons, Pauline (2002): Scaffolding Language, Scaffolding Learning: Teaching Second Language Learners in the Mainstream Classroom. Portsmouth, NH: Heinemann.
  • Leisen, Josef (2013): Handbuch Sprachförderung im Fach – Sprachsensibler Fachunterricht in der Praxis. Stuttgart: Klett Sprachen.

Weblinks

Verständnischeck: Scaffolding

Mit diesem Verständnischeck können Sie selbst testen, ob Sie den Inhalt dieser Seite verstanden haben. Er ist als H5P-Question Set unter CC BY 4.0 eingebunden und lässt sich frei nachnutzen.


CC BY-SA 4.0




  1. Wood, David J. / Bruner, Jerome S. / Ross, Gail (1976): The Role of Tutoring in Problem Solving. In: Journal of Child Psychology and Psychiatry, 17, S. 89–100.
  2. Vygotsky, Lev S. (1978): Mind in Society: The Development of Higher Psychological Processes. Cambridge, MA: Harvard University Press.
  3. Gibbons, Pauline (2002): Scaffolding Language, Scaffolding Learning: Teaching Second Language Learners in the Mainstream Classroom. Portsmouth, NH: Heinemann.
  4. Leisen, Josef (2013): Handbuch Sprachförderung im Fach – Sprachsensibler Fachunterricht in der Praxis. Stuttgart: Klett Sprachen.