Placemat

Aus ZUM Deutsch Lernen
Placemat-Arbeitsblatt (Schema)
Kooperatives Lernszenario

Placemat ist eine Unterrichtsmethode des kooperativen Lernens, die dem Schreibgespräch ähnelt.

Der Name Placemat (oder Placemat Activity) bedeutet Tischdeckchen und bezieht sich auf die Form des dabei benutzten Arbeitsblattes.

Placemats sind gut geeignet für den Einstieg in ein Thema als Methode zur (kollaborativen) Aktivierung von Vorwissen, Vorerfahrungen oder Assoziationsfeldern.

Niveau ab A2 (einfache Aussagesätze für die Randfelder); Konsensfindung in der Mitte eher ab B1
Sozialform Gruppenarbeit (3–4 Personen)
Zeitbedarf ca. 20–30 Minuten
Material ein Placemat-Bogen pro Gruppe (Vorlage, siehe Materialien), Stifte; digital auch über ONCOO möglich
Fertigkeit(en) Schreiben, Lesen, Sprechen (Konsensbildung und Präsentation)
Auch für sprachlich heterogene Regelklassen Ja, mit Sprachhilfen (siehe unten)

Ablauf

Reihum ergänzen

Die Schüler finden sich in Gruppen zu drei oder vier Schülern zusammen. Jede Gruppe erhält ein vorbereitetes Blatt, auf dem in der Mitte ein großer Kasten und zum Rand so viele Felder wie Schüler (also hier drei bzw. vier Felder) aufgezeichnet sind. Dieses Blatt liegt in der Tischmitte, die Schüler sitzen drumherum.

Jeder Schüler schreibt nun still nach dem vorgegebenen Thema oder der Aufgabenstellung einen Kommentar in eines der Eckfelder. Anschließend wird das Blatt gedreht, sodass jeder Schüler die nächste Ecke erhält.

Wenn jeder Schüler in jeder Ecke einen Kommentar geschrieben hat, werden die Schreibgespräche in einem ersten Schritt ausgewertet. Dazu fasst die gesamte Gruppe ihre Ergebnisse zusammen und schreibt die gewonnenen Erkenntnisse in das Feld in der Mitte.

Diese werden anschließend im Klassenverband gesammelt und z. B. auf einem Flipchart fixiert, um im weiteren Verlauf darauf eingehen oder damit arbeiten zu können.

Einzeln schreiben, dann lesen

Eine Variation kann sein, dass zuerst jede Person nur im vor sich liegenden Randbereich ihre Gedanken zur gegebenen Aufgabenstellung aufschreibt.

Anschließend wird die Placemat jeweils um eine Position gedreht, bis alle die Gedanken aller Personen der Arbeitsgruppe gelesen haben. In dieser Phase sollten nur unmittelbare Verständnisfragen kurz geklärt werden.

Hierauf folgt die Erarbeitung eines Gruppenergebnisses und dessen Fixierung in der Mitte der Placemat.

Gemeinsamkeiten feststellen

Für die Phase des Kennenlernens in neuen Arbeitsgruppen können die Felder am Seitenrand der Placemat genutzt werden, um den Grad von Übereinstimmungen festzustellen.

Da es um Gruppenbildung geht, kann auch die Vorbereitung der Placemat schon gemeinsam erfolgen:

  • Person 1 zeichnet das Rechteck in die Mitte des Blattes.
  • Person 2 und dann die folgenden zeichnen jeweils eine Linie vom Rechteck in der Mitte zum Seitenrand, sodass so viele Felder am Seitenrand entstehen, wie es Teilnehmer in der Gruppe gibt (in der Regel vier, aber eventuell auch drei oder fünf).
  • Die letzte Person nummeriert die so entstandenen Seitenflächen von 1 bis 4 (bzw. bis 3 oder 5).

Jetzt stellt der Reihe nach jeweils eine Person eine Vermutung über Gemeinsamkeiten in der Gruppe an, z. B. „Alle sehen gerne fern." Je nachdem, wie viele Personen dieser Aussage zustimmen, wird sie anschließend in das Feld mit dieser Zahl geschrieben, also in Feld 4, wenn vier Personen zustimmen usw. Dies kann über einen vorgegebenen Zeitraum oder eine bestimmte Zahl von Runden (z. B. drei) erfolgen.

Anschließend werten die Mitglieder der Arbeitsgruppe ihr Ergebnis aus und geben sich einen dazu passenden Gruppennamen, der in der Mitte notiert wird.

Abschließend präsentiert ein nach Zufallsprinzip bestimmtes Mitglied der Arbeitsgruppe die Auswertung der Gruppe und den Gruppennamen im Plenum.

Materialien

Vorlagen zum Ausdrucken:

Eine kurze, klare Einführung findet sich auf dem Server von Kooperatives-Lernen.de: (aktuell beide Seiten nicht online)

„Die Methode ist in allen Fächern und Altersgruppen sowie vielen pädagogischen Kontexten variabel einsetzbar und gilt als besonders wirksam in der Stimulierung kognitiver Aktivität von Schülerinnen und Schülern, da die Lernenden erst allein nachdenken und Ideen/Antworten aufschreiben, bevor sie dann in einer zweiten Phase mit anderen zusammen Ideen austauschen, dabei strukturieren und möglicherweise weiterentwickeln. Sie ermöglicht es Schülerinnen und Schülern, zunächst allein – ohne den Druck der Gruppenkommunikation – Antworten auf eine Fragestellung zu suchen."

Bedeutung für den DaF-/DaZ-Unterricht

Placemat verbindet drei sprachlich unterschiedlich anspruchsvolle Phasen, die sich als Scaffolding lesen lassen: erst stilles, druckfreies Schreiben allein, dann Lesen der Beiträge anderer als Modell für eigene Formulierungen, schließlich mündliches Aushandeln eines gemeinsamen Ergebnisses. Die Einzelschreibphase nimmt sprachlich unsicheren Lernenden den Druck der Gruppenkommunikation und lässt Zeit zum Nachschlagen und Formulieren, bevor überhaupt gesprochen wird.

Die Konsensphase in der Mitte ist der sprachlich anspruchsvollste Teil: Hier müssen Lernende Zustimmung, Ablehnung oder Kompromisse aushandeln – eine reale Kommunikationssituation mit echter Verhandlung von Bedeutung, nicht nur eine künstliche Übung. Die Methode eignet sich damit besonders gut, um Redemittel der Zustimmung, Ablehnung und Zusammenfassung gezielt zu üben.

Sprachsensibler Einsatz in heterogenen Regelklassen

  • Sprachliche Vorentlastung: vor der Einzelschreibphase einen Wortspeicher zum Thema bereitstellen sowie Redemittelkarten für die Konsensphase auslegen, z. B. „Ich stimme zu, weil …", „Das sehe ich auch so.", „Ich bin nicht sicher, aber …", „Wir sind uns einig, dass …".
  • Trennung von Inhalt und Sprache: In der Einzelschreibphase dürfen sprachlich schwächere Lernende statt ganzer Sätze auch einzelne Wörter oder Bildkärtchen in ihr Randfeld legen – die inhaltliche Beteiligung bleibt vollständig erhalten, auch ohne vollständige Sätze.
  • Heterogene Gruppenbildung: in jeder Gruppe eine sprachlich sichere Person einteilen, die die Konsensphase moderiert, ohne die Beiträge der anderen zu übergehen; die Randfelder aller Personen – auch die mit Bildern oder Einzelwörtern – fließen sichtbar in das Ergebnis in der Mitte ein.
  • Visualisierung: bei jüngeren Gruppen oder niedrigen Niveaus Symbol- oder Bildkärtchen bereitstellen, die in die Randfelder geklebt statt geschrieben werden können.
  • Beispiele für sprachlich gestufte Aufgabenstellungen zu verschiedenen Unterrichtsthemen:
Unterrichtsthema/Fach Einfache Formulierung (Randfeld) Erweiterte Formulierung (Randfeld)
Was Pflanzen brauchen (Sachunterricht/Biologie) Bildkärtchen legen (Sonne, Wasser, Erde) Satz bilden: „Eine Pflanze braucht Wasser."
Freizeit (Deutsch/DaZ, Kennenlernen) Wort notieren (z. B. „Fußball") Satz bilden: „Ich spiele gern Fußball."
Ursachen des Klimawandels (Politik/Sachunterricht) Stichwort notieren (z. B. „Autos") Satz mit Begründung: „Autos verursachen viele Abgase, weil sie Benzin verbrennen."
Wasserkreislauf (Naturwissenschaften) Bildkärtchen zuordnen (Wolke, Regen, Fluss, Meer) Fachbegriff notieren und in einem Satz verwenden (z. B. „Verdunstung")

Ausführliches Beispiel: „Was Pflanzen zum Wachsen brauchen" (Sachunterricht/Biologie)

Ausgangslage: Sachunterricht oder Biologie, Klasse 5/6, Regelklasse mit DaZ-Lernenden auf unterschiedlichem Sprachstand. Aufgabenstellung in der Mitte des Placemat-Bogens: „Was braucht eine Pflanze zum Wachsen?"

Vorentlastung vor der Übung:

  • Wortspeicher mit Bildkarten und Wörtern: Sonne/Licht, Wasser, Erde/Boden, Luft, Wärme.
  • Satzmuster als Redemittelkarte: „Eine Pflanze braucht ___."

Einzelschreibphase (Randfelder): Jede Person trägt in ihr Randfeld mindestens einen Begriff ein. Sprachlich unsichere Lernende wählen eine passende Bildkarte aus dem Wortspeicher und kleben sie ins Feld; sprachlich sicherere Lernende schreiben einen vollständigen Satz nach dem Muster.

Lesephase: Das Blatt wird gedreht, jede Person liest die Beiträge der anderen. Verständnisfragen werden kurz geklärt, z. B. mithilfe der Bildkarten.

Konsensphase (Mitte): Die Gruppe einigt sich auf die wichtigsten Punkte und trägt sie gemeinsam in die Mitte ein. Redemittelkarte zur Unterstützung: „Wir sind uns einig, dass eine Pflanze ___ und ___ braucht." Bei Uneinigkeit: „Wichtig ist auch …"

Präsentation: Ein Gruppenmitglied stellt das Ergebnis im Plenum vor; wer sprachlich noch unsicher ist, liest den in der Mitte notierten Satz vor.

Heterogene Gruppenbildung – Vorwissen als Ressource: Viele DaZ-Lernende kennen die Grundbedürfnisse von Pflanzen bereits aus dem Herkunftsland oder aus dem Alltag (z. B. Gartenarbeit) – dieses Sachwissen kann unabhängig vom Sprachstand aktiv in die Gruppe eingebracht werden, etwa durch Zeigen, Zeichnen oder einzelne Wörter.


Scaffolding-Analyse: Wie Placemat sprachliches Gerüst auf- und wieder abbaut

Scaffolding bezeichnet eine zeitlich begrenzte Unterstützung, die einer lernenden Person hilft, eine Aufgabe zu bewältigen, die sie allein noch nicht schaffen würde – und die schrittweise abgebaut wird, sobald die Kompetenz wächst.[1] Für den Sprachunterricht in gemischtsprachigen Regelklassen wurde das Konzept u. a. von Gibbons ausgearbeitet.[2]

Placemat eignet sich zur Veranschaulichung dieses Prinzips besonders gut, weil die Methode selbst schon in Phasen mit sinkender externer Unterstützung verläuft – am Beispiel „Was Pflanzen zum Wachsen brauchen":

Phase Sprachliches Gerüst (Scaffold) Was der Scaffold übernimmt Abbau in der nächsten Phase
Vorentlastung Wortspeicher mit Bild und Wort, Satzmuster-Karte „Eine Pflanze braucht ___." liefert Wortschatz und Satzstruktur vollständig im Voraus entfällt ab der Einzelschreibphase; nur noch als Nachschlagehilfe im Raum verfügbar
Einzelschreibphase (Randfeld) Bildkärtchen als Alternative zum Wort; Satzmuster als Lückentext reduziert die Produktionsleistung auf Wortebene bzw. Lückenfüllen statt freiem Satzbau in der Lesephase muss dieselbe Sprache bereits ohne weitere Hilfe rezeptiv verarbeitet werden
Lesephase Peer-Texte der Gruppe als Sprachmodell (verständlicher Input von Mitlernenden) liefert weitere Formulierungsbeispiele, ohne dass die Lehrkraft eingreifen muss in der Konsensphase muss selbst aktiv formuliert werden, nicht mehr nur gelesen
Konsensphase (Mitte) Redemittelkarte „Wir sind uns einig, dass …" strukturiert die mündliche Aushandlung sprachlich vor bei der Präsentation ist die Karte meist nicht mehr nötig, weil der Satz in der Mitte bereits als fertiges Modell steht
Präsentation der gemeinsam erarbeitete Satz in der Mitte dient als vollständig vorformulierter Text zum Vorlesen für sprachlich unsichere Lernende sprachlich sichere Lernende sprechen frei über den notierten Satz hinaus, ganz ohne Gerüst

Vorteile des Scaffolding-Prinzips: Innerhalb eines einzigen Durchgangs der Methode wird das sprachliche Gerüst fünfmal in Folge etwas weiter abgebaut, ohne dass eine Lernperson dabei je vollständig ohne Unterstützung dasteht. Wer Runde für Runde etwas sicherer wird, kann jede Stufe überspringen, auf der sie den Scaffold nicht mehr braucht. Die Methode differenziert sich damit von selbst, ohne dass unterschiedliche Arbeitsblätter nötig wären.

Beispiele aus dem DaF-/DaZ-Unterricht nach Niveau

Niveau Thema Sprachliche Mittel Konkretes Beispiel
A1/A2 Freizeit, „Meine Freizeit" einzelne Wörter/Nomen, „Ich mag …", einfache Aussagesätze Variante „Reihum ergänzen": Randfelder mit Aktivitäten (Lesen, Fußball, Musik) füllen, in der Mitte die drei häufigsten Aktivitäten der Gruppe notieren.
A2/B1 Wie ich lerne (Gemeinsamkeiten feststellen) „Ich lerne am liebsten …", einfache Begründungssätze mit weil Variante „Gemeinsamkeiten feststellen": Vermutungen wie „Alle lernen gern mit Musik" abstimmen und in das passende Zahlenfeld eintragen; Gruppenname in der Mitte.
ab B1 Aufsatzthema: „Die Zukunft des Buches – digital oder analog?" Pro-/Contra-Argumente, Nebensätze mit weil/dass, Redemittel der Zustimmung/Ablehnung Variante „Einzeln schreiben, dann lesen": jede Person schreibt zunächst eigene Argumente, anschließend gemeinsame Gewichtung und Formulierung einer Gruppenthese in der Mitte.

Wie geht das digital?

Das geht mit ONCOO.

Eine gute Beschreibung dazu gibt es auf den Seiten von Unterrichten digital:

  • Anstelle eines Posters bietet ONCOO eine Art digitale Tabelle, in der die Ergebnisse, der jeweilige Bearbeitungsstand jedes Teilnehmers und die verbleibenden Bearbeitungszeiten angezeigt werden.
  • Die Schüler erarbeiten zunächst in Einzelarbeit (Think-Phase) ihre Inhalte, dann erst zeigt die App ihre Partner an, mit denen sie anschließend an einer Gruppenlösung (Pair-Phase) arbeiten.
  • Im Plenum (Share-Phase) können dann abschließend sowohl Einzel- als auch Gruppenlösungen angezeigt werden.

Quelle: Text zitiert und angepasst aus https://unterrichten.digital/2019/08/13/oncoo-online-kollaborativ-arbeiten/#Placemat

Kritik/Grenzen

  • Die Konsensphase in der Mitte setzt voraus, dass die Gruppe sprachlich in der Lage ist, Zustimmung, Ablehnung und Kompromisse auszudrücken; ohne vorbereitete Redemittel bleibt diese Phase auf niedrigeren Niveaus oberflächlich.
  • Bei sehr heterogenen Sprachständen kann eine einzelne sprachlich starke Person die Formulierung des Mittelfelds dominieren, wenn die Moderation nicht bewusst gesteuert wird.
  • Benötigt vorbereitetes Material (Placemat-Bogen je Gruppe) bzw. bei der digitalen Variante Zugang zu Endgeräten und Internet.
  • Die drei Ablaufvarianten unterscheiden sich in Zielsetzung und Sprachanforderung deutlich; ohne klare Auswahl vorab kann die Methode beliebig wirken.

Ideen für DaF/DaZ

  • Lerner suchen Gemeinsamkeiten: Meine Freizeit, Wie ich lerne usw.
  • Lerner brainstormen zu einem Aufsatzthema ab B1: Die Zukunft des Buches: digital oder doch noch analog?

(Ausführlich umgesetzt in den Abschnitten „Sprachsensibler Einsatz" und „Beispiele aus dem DaF-/DaZ-Unterricht nach Niveau" oben.)

Siehe auch

Literatur

  • Leisen, Josef (2013): Handbuch Sprachförderung im Fach – Sprachsensibler Fachunterricht in der Praxis. Stuttgart: Klett Sprachen. (Grundlage der Hinweise zum sprachsensiblen Einsatz)
  • Michalak, Magdalena (2015): Sprache im Fachunterricht. Tübingen: Narr.
  • Tajmel, Tanja / Hägi-Mead, Sara (2017): Sprachbewusste Unterrichtsplanung. Münster: Waxmann.
  • Wood, David J. / Bruner, Jerome S. / Ross, Gail (1976): The Role of Tutoring in Problem Solving. In: Journal of Child Psychology and Psychiatry, 17, S. 89–100. (Ursprung des Scaffolding-Begriffs)
  • Gibbons, Pauline (2002): Scaffolding Language, Scaffolding Learning: Teaching Second Language Learners in the Mainstream Classroom. Portsmouth, NH: Heinemann. (Scaffolding für Zweitsprachlernende im Regelunterricht)

Linktipps


  1. Wood, David J. / Bruner, Jerome S. / Ross, Gail (1976): The Role of Tutoring in Problem Solving. In: Journal of Child Psychology and Psychiatry, 17, S. 89–100.
  2. Gibbons, Pauline (2002): Scaffolding Language, Scaffolding Learning: Teaching Second Language Learners in the Mainstream Classroom. Portsmouth, NH: Heinemann.