Time-on-Task

Aus ZUM Deutsch Lernen

Time-on-Task, im Deutschen meist aktive Lernzeit, bezeichnet den Anteil der Unterrichtszeit, in dem sich Lernende tatsächlich mit dem Lerngegenstand auseinandersetzen. Nicht gemeint ist die Zeit, die eine Stunde nominell dauert, sondern nur der Teil davon, in dem einzelne Lernende gedanklich bei der Sache sind. Organisatorisches, Wartezeiten und Ablenkung zählen nicht dazu. Der Begriff stammt aus der allgemeinen Unterrichtsforschung und ist für den Fremdsprachenunterricht besonders aufschlussreich, weil dort die Zeit, in der Lernende die Zielsprache wirklich verarbeiten oder produzieren, oft kleiner ist als angenommen.

Herkunft und Einordnung

Der Gedanke geht auf John B. Carrolls „Model of School Learning" (1963) zurück: Wie viel jemand lernt, hängt davon ab, wie viel Zeit er aufwendet, gemessen an der Zeit, die er individuell benötigen würde. Damit rückt nicht die angebotene, sondern die genutzte Zeit in den Mittelpunkt.

In der deutschsprachigen Unterrichtsforschung erscheint die aktive Lernzeit in Angebots-Nutzungs-Modellen als einer der Faktoren, über die Unterrichtsqualität überhaupt erst auf das Lernen wirkt, neben der Verarbeitungstiefe und dem Erleben von Selbstbestimmung (Klieme/Rakoczy 2008). Untersucht man, was die aktive Lernzeit erhöht, zeigen sich vor allem Klassenführung und Strukturierung als wirksam, weniger dagegen Individualisierung und Motivierung (Meissner u. a. 2020).

Bedeutung für den DaF-/DaZ-Unterricht

Im Sprachunterricht fällt die Lücke zwischen Unterrichtszeit und aktiver Lernzeit häufig besonders auf.

  • Sprechzeit ist knapp. Im Plenum spricht immer nur eine Person. Rechnerisch bleibt für die einzelne Lernende in einer Stunde oft weniger als eine Minute eigene Redezeit. Sozialformen wie Kugellager, Klassenspaziergang oder Speeddating sind vor allem deshalb wirksam, weil sie diesen Anteil vervielfachen.
  • Zuhören ist nicht automatisch Lernzeit. Ob aus Input auch Intake wird, hängt davon ab, ob Lernende den Text verarbeiten oder nur akustisch anwesend sind. Eine Höraufgabe ohne Auftrag erzeugt Unterrichtszeit, aber wenig aktive Lernzeit.
  • Verstehen kostet Lernende in der Fremdsprache mehr Zeit. Wer gleichzeitig Wortbedeutung, Struktur und Situation erschließt, arbeitet langsamer als in der Erstsprache. Aufgaben, die für muttersprachliche Lerngruppen zugeschnitten sind, lassen im DaF-/DaZ-Unterricht regelmäßig zu wenig Zeit.
  • Nicht jede beschäftigte Klasse lernt. Eine Klasse kann durchgehend arbeiten und dabei wenig lernen, etwa beim mechanischen Abschreiben. Aktive Lernzeit setzt voraus, dass die Aufgabe kognitiv aktiviert. Vergleiche dazu ICAP.

Beispiel aus dem Unterricht

Kurs auf Niveau A2, Thema „Vom Wochenende erzählen", Wiederholung des Perfekts.

Die Lehrkraft plant 20 Minuten Partnerarbeit ein: A erzählt B vom Wochenende, dann umgekehrt. Nominell stehen jedem 10 Minuten Sprechzeit zur Verfügung.

Was die Zeit tatsächlich verbraucht:

  • Die Partnerbildung dauert, weil die Aufgabe erst nach dem Aufstehen erklärt wird.
  • Mehrere Paare klären zunächst auf Deutsch oder in der Erstsprache, was genau gefragt ist.
  • Wer nicht weiterweiß, schweigt und wartet, statt auf Kompensationsstrategien zurückzugreifen.
  • Wer früh fertig ist, hat keine Anschlussaufgabe.

Wirksame Änderungen an derselben Aufgabe: Auftrag und Redemittel vor dem Aufstehen sichtbar machen, ein Zeitsignal für den Wechsel von A zu B setzen, eine Anschlussaufgabe für schnelle Paare bereithalten und den Auftrag so formulieren, dass Zuhören eine Aufgabe hat, etwa „Notiere zwei Fragen zu dem, was du gehört hast". Die Unterrichtszeit bleibt gleich, die aktive Lernzeit steigt.

Aktive Lernzeit und H5P (ZUM-Apps)

Interaktive Übungen können aktive Lernzeit sichern, weil alle Lernenden gleichzeitig arbeiten statt zu warten, bis sie an der Reihe sind, und weil die Rückmeldung sofort kommt.

Zweck Geeignete H5P-Inhaltstypen
Übungszeit für alle parallel Fill in the Blanks, Drag the Words
Zuhören mit Auftrag Interactive Video, Audio mit Question Set
Selbstständige Anschlussarbeit für schnelle Lernende Course Presentation, Branching Scenario
Wiederholung mit sofortiger Rückmeldung Question Set, Memory Game

Der Nutzen entfällt allerdings, wenn Geräte, Zugang oder Anleitung nicht vorbereitet sind. Technikprobleme kosten mehr Lernzeit, als die Übung einbringt.

Kritik und offene Fragen

  • Der Zusammenhang mit Lernerfolg ist nicht so eindeutig, wie es scheint. Er hängt stark davon ab, wie aktive Lernzeit gemessen wird und was in der Zeit inhaltlich passiert (Godwin u. a. 2021).
  • Beschäftigung ist nicht Lernen. Ein hoher Wert kann auch durch anspruchslose Aufgaben zustande kommen.
  • Die Messung ist schwierig. Von außen ist nicht sicher erkennbar, ob jemand mitdenkt. Stille Lernende können hoch konzentriert sein, sichtbar beschäftigte abgelenkt.
  • Pausen sind nicht immer verlorene Zeit. Verarbeitung braucht Unterbrechungen. Eine durchgetaktete Stunde ohne Luft ist nicht automatisch die bessere.
  • Unterrichtsstile sind kulturell geprägt. Was als konzentrierte Mitarbeit gilt, wird in verschiedenen Lernkulturen unterschiedlich bewertet. Für international eingesetzte Materialien ist das zu bedenken.


Verständnischeck: Time-on-Task

Mit diesem Verständnischeck können Sie selbst testen, ob Sie den Inhalt dieser Seite verstanden haben. Er ist als H5P-Question Set unter CC BY 4.0 eingebunden und lässt sich frei nachnutzen.


CC BY-SA 4.0


Siehe auch

Literatur

  • Carroll, John B. (1963): „A Model of School Learning". In: Teachers College Record 64, S. 723–733.
  • Godwin, Karrie E. u. a. (2021): „The elusive relationship between time on-task and learning: not simply an issue of measurement". In: Educational Psychology 41.
  • Hattie, John (2009): Visible Learning. A Synthesis of Over 800 Meta-Analyses Relating to Achievement. London/New York: Routledge.
  • Helmke, Andreas (2015): Unterrichtsqualität und Lehrerprofessionalität. Diagnose, Evaluation und Verbesserung des Unterrichts. 6., überarbeitete Auflage. Seelze: Klett-Kallmeyer.
  • Meissner, Sina u. a. (2020): „Differenzielle Effekte der Unterrichtsqualität auf die aktive Lernzeit". Verfügbar über pedocs.
  • Rösler, Dietmar (2012): Deutsch als Fremdsprache. Eine Einführung. Stuttgart/Weimar: Metzler.

Weblinks