Deskriptoren
Deskriptoren sind Instrumente, mit denen im Sinne des Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmens (GER) die Sprachkompetenz beschrieben wird. Sie sind positiv als Kann-Beschreibungen formuliert und geben an, was Lernende auf einer bestimmten Niveaustufe sprachlich bereits tun können, zum Beispiel: „Kann kurze, einfache persönliche Briefe schreiben."
Deskriptoren beschreiben nicht Defizite oder Fehler, sondern beobachtbares sprachliches Handeln. Sie liegen für die sechs Stufen A1 bis C2 und für die einzelnen Fertigkeiten vor. Der 2020 erschienene Begleitband zum GER hat den Bestand erweitert, unter anderem um Deskriptoren zur Sprachmittlung, zur Online-Interaktion und zu plurilingualen Kompetenzen.
Aufbau eines Deskriptors
Ein Deskriptor benennt in der Regel eine sprachliche Handlung mit ihren Bedingungen: wer (die lernende Person) was (die Handlung, etwa „verstehen", „schreiben", „erklären") unter welchen Bedingungen (Textsorte, Thema, Tempo, Vertrautheit) bewältigen kann.
Beispiel (A2, Leseverstehen): „Kann in einfachen Alltagstexten wie Anzeigen, Prospekten oder Speisekarten konkrete, vorhersehbare Informationen auffinden." Daraus lassen sich Thema (Alltagstexte), Handlung (Informationen auffinden) und Anspruch (konkret, vorhersehbar) ablesen.
Deskriptoren als Lernziele
Deskriptoren eignen sich als Grundlage für die Formulierung von Lernzielen. Aus einer allgemeinen Kann-Beschreibung wird ein konkretes Stundenziel, das sich beobachten und überprüfen lässt. Sie machen für Lehrende wie Lernende transparent, worauf eine Übung zielt, und bilden damit die Brücke zwischen Rahmenvorgabe und einzelner Aufgabe.
Deskriptoren und H5P (ZUM-Apps)
Für die Arbeit mit H5P und den ZUM-Apps sind Deskriptoren besonders wichtig, weil sie die Leitfrage jeder interaktiven Übung beantworten: Was soll die lernende Person nach der Übung können? Wer eine H5P-Übung an einem Deskriptor ausrichtet, wählt gezielter den passenden Inhaltstyp, formuliert klarere Aufgaben und gibt genaueres Feedback.
Vom Deskriptor zum Inhaltstyp
Der Deskriptor gibt vor, welche Fertigkeit trainiert wird; danach richtet sich die Wahl des H5P-Inhaltstyps.
| Fertigkeit | Beispiel-Deskriptor (verkürzt) | Geeignete H5P-Inhaltstypen |
|---|---|---|
| Hörverstehen | „Kann das Wesentliche kurzer, klarer Durchsagen verstehen." | Interactive Video, Question Set, Multiple Choice (mit Audio) |
| Leseverstehen | „Kann in einfachen Texten konkrete Informationen finden." | Mark the Words, Drag the Words, Fill in the Blanks |
| Wortschatz | „Kann vertraute Wörter und Wendungen erkennen." | Dialog Cards, Image Pairing, Memory Game, Image Hotspots |
| Schreiben | „Kann eine kurze, einfache Notiz verfassen." | Essay (stichwortbasiertes Feedback), geführter Lückentext |
| Sprechen | „Kann sich mit einfachen Wendungen vorstellen." | Audio Recorder, Speak the Words (Spracherkennung) |
| Interaktion / Mediation | „Kann in Alltagssituationen angemessen reagieren." | Branching Scenario, Dialog Cards |
Aufgabe und Feedback aus dem Deskriptor ableiten
Der Deskriptor liefert nicht nur den Inhaltstyp, sondern auch den Zuschnitt der Aufgabe. Zielt er auf „konkrete Informationen auffinden", sollte die Übung das Suchen und Markieren verlangen, nicht das Auswendiglernen. Auch das in H5P frei formulierbare Feedback lässt sich an der Kann-Beschreibung ausrichten, etwa in den Rückmeldebereichen eines Question Set: „Sie können nun die wichtigsten Informationen einer Durchsage verstehen."
Metadaten und Nachnutzung
H5P-Inhalte enthalten ein Metadatenfeld für Titel, Urheber und Lizenz. Hier lässt sich zusätzlich die angezielte Kann-Beschreibung dokumentieren. Das erleichtert die Nachnutzung im Sinne von Open Educational Resources: Andere Lehrkräfte erkennen sofort, für welche Fertigkeit und welche Niveaustufe eine Übung gedacht ist, und können sie passgenau in eigene Lernpfade einbauen.
Selbsteinschätzung
Deskriptoren sind so formuliert, dass Lernende sie auf sich selbst beziehen können („Das kann ich schon"). In ZUM Deutsch Lernen lassen sich daraus H5P-gestützte Selbsteinschätzungen bauen, etwa mit dem Documentation Tool oder einer einfachen Checkliste am Ende eines Lernpfads. So wird der Lernfortschritt für die Lernenden sichtbar und die Lernerautonomie gestärkt.
Kritik und offene Fragen
- Deskriptoren sind bewusst allgemein gehalten; die Zuordnung einer konkreten H5P-Übung zu einer Kann-Beschreibung bleibt eine Auslegungssache.
- Automatisches Feedback funktioniert bei geschlossenen Aufgaben (Zuordnen, Markieren) gut, bei produktiven Fertigkeiten wie freiem Schreiben und Sprechen nur eingeschränkt.
- Eine Kann-Beschreibung „abzuhaken" heißt nicht, dass die Kompetenz dauerhaft und in allen Situationen verfügbar ist.
Verständnischeck
Mit diesem Verständnischeck können Sie selbst testen, ob Sie den Inhalt dieser Seite verstanden haben. Er ist als H5P-Question Set unter CC BY 4.0 eingebunden und lässt sich frei nachnutzen.
Siehe auch
Literatur
- Europarat (2001): Gemeinsamer europäischer Referenzrahmen für Sprachen: lernen, lehren, beurteilen. Berlin/München: Langenscheidt.
- Europarat (2020): Gemeinsamer europäischer Referenzrahmen für Sprachen: lernen, lehren, beurteilen. Begleitband. Stuttgart: Klett.
- Glaboniat, Manuela u. a. (2005): Profile deutsch. Berlin/München: Langenscheidt.
Weblinks
- H5P Content Types and Applications (Übersicht der Inhaltstypen, englisch)
- Begleitband zum GER (Wikipedia)
