Meinungslinie

Aus ZUM Deutsch Lernen

Bei der Meinungslinie handelt es sich um eine Methode für den Unterricht. Die Meinungslinie eignet sich besonders für Phasen, wenn Lernende sich zu einem inhaltlichen Problem positionieren müssen, sowie zur Ermittlung von Voreinstellungen und Vorwissen zu Beginn eines Themas.[1]

Niveau ab A1 (reine Positionierung), Begründung sinnvoll ab A2/B1
Sozialform Plenum/Großgruppe (ganzer Kurs)
Zeitbedarf ca. 15–25 Minuten
Material Kreppband oder Seil für die Linie, zwei Pol-Karten/Plakate (DIN A4 oder größer)
Fertigkeit(en) Hören, Sprechen, Meinungsäußerung und Begründung
Auch für sprachlich heterogene Regelklassen Ja, mit Sprachhilfen (siehe unten)

Kurzbeschreibung

Mittels Kreppband wird im Raum auf dem Boden eine Linie gezogen; die eine Seite der Klasse ist dann „Pro …“, die andere Seite im Raum ist dann „Contra …“. Die Lernenden haben dann die Möglichkeit, sich im Raum zu positionieren und so hinsichtlich eines Problems oder einer Frage eine Position einzunehmen („Ich bin für oder gegen etwas“). Die Methode ist besonders bei unteren Klassen bzw. niedrigeren Sprachniveaus gut geeignet, da eine erste Positionierung auch ohne viel Sprache möglich ist.

Ablauf/Durchführung

Vorbereitung

  • Eine Frage oder ein Thema mit zwei klaren, gegensätzlichen Polen auswählen. Nur Fragen, bei denen es zwei eindeutige Enden gibt, eignen sich für die Methode; in der Mitte stehen die Unentschiedenen oder jene, die bewusst eine mittlere Position wählen.[2]
  • Die Teilnehmerzahl sollte nicht unter fünf bis sechs liegen, da sich erst ab dieser Gruppengröße erkennbare „Ballungen“ an bestimmten Standorten bilden. Nach oben ist die Methode mit sehr großen Gruppen durchführbar.[3]

Durchführung

  • Auf dem Boden wird eine imaginierte oder mit Kreppband geklebte Linie hergestellt. Bei 10 Teilnehmenden sollte sie etwa 6 m lang sein, bei 20 Teilnehmenden bis zu 10 m.
  • An beiden Enden werden Pappen oder Blätter mit dem jeweiligen Pol-Stichwort ausgelegt.
  • Die Lernenden beziehen an der Stelle auf der Linie Position, die ihrer Einstellung am ehesten entspricht.
  • Die Lehrkraft oder Kursleitung führt Regie und befragt jeweils nur eine Person zur Zeit, damit alle anderen zuhören können.[4]

Auswertung

  • Die eingenommenen Positionen können ausgezählt werden (z. B. „Ein Fünftel der Gruppe steht bei …“).
  • Einzelne Personen werden befragt, warum sie gerade dort stehen – am besten beginnend mit den Extrempositionen.[5]

Bedeutung für den DaF-/DaZ-Unterricht

Die körperliche Positionierung erlaubt eine erste, nonverbale Meinungsäußerung, bevor überhaupt gesprochen werden muss – dadurch ist die Methode schon auf niedrigen Niveaus (A1) einsetzbar, ohne dass mangelnder Wortschatz zur Hürde wird. Erst im zweiten Schritt, bei der Befragung Einzelner, wird tatsächlich gesprochen: ein gestufter Sprechanlass, der die Hemmschwelle senkt, weil sich niemand aus dem Stand heraus spontan äußern muss.

Die Methode eignet sich besonders zur Aktivierung von Vorwissen und Voreinstellungen vor einem neuen Thema und lässt sich ebenso zur Selbsteinschätzung nutzen (vgl. die Herkunft der Methode als Evaluationsinstrument). Für den Sprachunterricht heißt das: Lernende können nicht nur zu inhaltlichen Themen, sondern auch zum eigenen Lernstand oder Kursfortschritt Position beziehen. Die freie Wahl der Position ermöglicht zudem Binnendifferenzierung: sprachlich stärkere Lernende können ihre Position ausführlich begründen, schwächere sich zunächst auf die Positionierung selbst beschränken.

Sprachsensibler Einsatz in heterogenen Regelklassen

Die Meinungslinie eignet sich besonders gut für sprachlich heterogene Regelklassen, weil die reine Positionierung bereits eine vollständige inhaltliche Aussage ist, für die kein einziges Wort nötig ist – die Begründung ist ein optionaler, zeitlich getrennter zweiter Schritt.

  • Sprachliche Vorentlastung: vor der Übung Redemittelkarten mit Begründungsformeln bereitlegen, z. B. „Ich stehe hier, weil …", „Für mich ist wichtig, dass …".
  • Trennung von Inhalt und Sprache: Die Positionierung selbst verlangt keine Sprachproduktion; DaZ-Lernende nehmen dadurch gleichberechtigt teil, auch wenn die anschließende mündliche Begründung (noch) schwerfällt.
  • Heterogene Gruppen-/Befragungsreihenfolge: bei der Befragung Einzelner zunächst sprachlich sicherere Lernende von den Extrempositionen befragen. So hören DaZ-Lernende passende Formulierungen als Modell, bevor sie selbst an die Reihe kommen (Scaffolding durch Mitlernende).
  • Visualisierung: die beiden Pol-Karten zusätzlich mit einem Symbolbild versehen (z. B. Haus- und WG-Icon beim Beispiel „Wohnen"), damit die Positionierung auch ohne vollständiges Textverständnis gelingt.
  • Beispiele für sprachlich gestufte Aufgabenstellungen zu verschiedenen Unterrichtsthemen:
Unterrichtsthema Einfache Formulierung (zur Begründung) Erweiterte Formulierung
Wohnen „Ich wohne gern allein." „Ich wohne lieber allein, weil ich meine Ruhe brauche."
Pausenregeln (Schule) „Die Pause ist zu kurz." „Ich finde die Pause zu kurz, weil ich mein Essen nicht schaffe."
Klimaschutz (Sachunterricht/Politik) „Fahrrad fahren ist gut für die Umwelt." „Ich finde, wir sollten mehr Fahrrad fahren, weil das gut für die Umwelt ist."
Mediennutzung „Ich finde Handys im Unterricht gut/schlecht." „Meiner Meinung nach sollten Handys erlaubt sein, weil man damit schnell etwas nachschauen kann."

Beispiele aus dem DaF-/DaZ-Unterricht nach Niveau

Niveau Thema Sprachliche Mittel Konkretes Beispiel
A1 Lieblingsjahreszeit, einfache Vorlieben reine Positionierung, auf Nachfrage höchstens ein Wort oder Zeigen/Nicken Pole „Sommer" – „Winter". Die Lernenden positionieren sich; auf die Frage „Warum?" reicht als Antwort ein Wort („Sommer!") oder eine Geste.
A2 Wohnen, Freizeit „Ich … gern/lieber …", einfache weil-Sätze in Hauptsatzstellung Ein Ende der Linie steht für „Ich lebe lieber in der Stadt", das andere für „Ich lebe lieber auf dem Land". Begründung mit Redemittelkarte: „Ich stehe hier, weil …", „Für mich ist wichtig, dass …"
ab B1 Selbsteinschätzung Sprachstand, gesellschaftliche Themen (z. B. Handyverbot in der Pause) differenzierte Begründungen, Konzessivsätze, Vergleiche Ein Ende steht für „Die deutsche Grammatik ist für mich sehr leicht", das andere für „… sehr schwer". Positionierung zu Kursbeginn und -ende (Frage 1: „Wo stehst du heute?", Frage 2: „Wo stehst du jetzt?"). Alternativ Thema „Handyverbot in der Pause" mit ausführlicher Pro-/Contra-Begründung.

Varianten

  • Meinungsdreieck/-viereck: Statt einer Linie können auch drei oder vier Positionen im Raum verteilt werden, wenn ein Thema mehr als zwei klar definierte Pole hat.[6]
  • Zwei-Fragen-Variante zur Reflexion: „Wo stehst du heute?“ und „Wo würdest du gerne stehen, wenn du könntest, wie du wolltest?“ – geeignet, um zwischen Ist-Zustand und Wunschzustand zu unterscheiden.
  • Vertiefende Inszenierungstechniken für fortgeschrittene Niveaus (B2+): etwa „Dialog“ (die Kursleitung befragt gezielt eine Person mit interessanter Position), „Hilfs-Ich“ (die Kursleitung legt einer Person die Hand auf die Schulter und formuliert stellvertretend deren Position mit) oder „Haltungen einnehmen“ (Körperhaltung und Mimik sollen die eingenommene Position zusätzlich ausdrücken). Diese Techniken verlangen spontane mündliche Produktion und eignen sich daher eher für höhere Niveaus.[7]

Kritik/Grenzen

  • Setzt eine Mindestgruppengröße von fünf bis sechs Personen voraus; in sehr kleinen Kursen (2–4 Teilnehmende) bilden sich kaum erkennbare „Ballungen“, wodurch die Auswertung wenig aussagekräftig wird.
  • Themen benötigen zwei klare Pole – bei mehrdimensionalen Fragestellungen zu vereinfachend (teilweise durch die Dreieck-/Viereck-Variante auffangbar).
  • Benötigt freien Raum für die Bewegung, was nicht in jedem Kursraum gegeben ist.
  • Ohne vorbereitete Redemittel bleibt die Methode auf niedrigeren Niveaus bei der reinen Positionierung stehen; der eigentliche Sprachlerneffekt entsteht erst durch die anschließende Begründung.

Siehe auch

Literatur

  • Meyer, Hilbert (2007): Übungen zum guten Unterricht. Eine Handreichung für Aus- und Fortbildung. Seelze: Erhard Friedrich Verlag, S. 8–10.
  • Wester, Franz / Soltau, Andreas / Paradies, Liane (2006): Methodenbox Selbstevaluation – Meinungslinie. Landesinstitut für Schule, Bremen.
  • Meyer, Hilbert / Diepold, Siga: Eine neue Methode: „Meinungslinie”. Carl von Ossietzky Universität Oldenburg.
  • Leisen, Josef (2013): Handbuch Sprachförderung im Fach – Sprachsensibler Fachunterricht in der Praxis. Stuttgart: Klett Sprachen. (Grundlage der Hinweise zum sprachsensiblen Einsatz)
  • Michalak, Magdalena (2015): Sprache im Fachunterricht. Tübingen: Narr.

Weblinks



  1. Wester, Franz / Soltau, Andreas / Paradies, Liane (2006): Methodenbox Selbstevaluation – Meinungslinie. Landesinstitut für Schule, Bremen.
  2. Meyer, Hilbert / Diepold, Siga: Eine neue Methode: „Meinungslinie“. Carl von Ossietzky Universität Oldenburg.
  3. Wester/Soltau/Paradies (2006), a. a. O.
  4. Meyer/Diepold, a. a. O.
  5. Wester/Soltau/Paradies (2006), a. a. O.
  6. Meyer/Diepold, a. a. O.
  7. Meyer/Diepold, a. a. O.