Vorwegnehmender Gebrauch
Vorwegnehmender Gebrauch wird auch Boomerang-Modell genannt.
Vorwegnehmender Gebrauch basiert auf dem Konzept der Aufgabenorientierung. Dabei wird eine Lernsituation erzeugt, bei der die Lernenden dazu aufgefordert werden, eine grammatische Struktur, die sie später lernen sollen, zu gebrauchen. Die Methode folgt der Erkenntnis, dass die Entwicklung von Sprachlernbewusstheit wichtig für erfolgreiches Lernen ist. Ziel ist es, die gebrauchte Struktur zu reflektieren und dabei zu analysieren, wie diese Struktur gebildet wird.
Möglicher Verlauf
Vorüberlegung
Vor der Unterrichtsplanung steht eine Einschätzung der Lerngruppe: Bildungsstand, Erstsprache(n) sowie beruflicher oder lebensweltlicher Hintergrund der Lernenden bilden die Folie, vor der sich kommunikative Aufgaben sinnvoll gestalten lassen. Parallel dazu wird überlegt, wie sich sprachliche Strukturen vom Einfachen zum Komplexeren ordnen lassen und wie sich diese Progression mit der Lebensumgebung der Lernenden verknüpfen lässt.
Einstieg
- Motivation, Türöffner, Interesse wecken
- Aufgabenstellung
Erarbeitung / Gebrauch
- Anwendung der Fragestellung/Bearbeitung einer Aufgabe
- Automatisierung
Reflexion sprachlicher Phänomene oder von Bearbeitungsmethoden
- Hinführung zur Systematisierung: Lehrkraft zeichnet Tabelle an die Tafel, die Lernenden füllen sie mit Fragen aus dem Puzzle
- Systematisierung: Entdeckung des Unterschieds zwischen Ja-Nein-Fragen und Wortstellung durch Anleitung der Lehrkraft; Lernende notieren die Regel im Heft
- Erarbeitung der sprachlichen Mittel zur Erfüllung der Aufgaben, unterstützt durch Lehrkraft und Lehrmaterial, sowie Präsentation der Arbeitsergebnisse
Üben
Die neu entdeckte Regel wird in gelenkten Wiederholungsübungen gefestigt, bevor sie in offeneren Aufgaben zur Anwendung kommt. Ziel dieser Phase ist die Automatisierung der Form, nicht mehr ihre Entdeckung.
Anwendung/Transfer
Abschließend wenden die Lernenden die Struktur in neuen, für sie bedeutsamen Kommunikationssituationen frei an, etwa in einem eigenen Text oder Gespräch, das nicht mehr an die Ausgangsaufgabe gebunden ist.
Eignung
- geeignet für Unterrichtseinheiten, deren Lernziele im Bereich der mündlichen oder schriftlichen Produktion liegen (einen Leserbrief verfassen, ein Referat halten usw.)
- Reflektieren/Erarbeiten von sprachlichen Regularitäten eignet sich vor allem für Sprachlerngewohnte; höhere Niveaustufen
Beispiele
Wechselpräpositionen: Wo? und Wohin?
Ein möglicher Einstieg nutzt eine Reihe von Fotos aus dem Klassenraum oder von zu Hause, auf denen Alltagsgegenstände an bestimmten Orten liegen, stehen oder hängen. Mit der Struktur Der/Die/Das X ist ... beschreiben die Lernenden zunächst nur die Lage der Dinge (auf dem Tisch, unter dem Stuhl, in der Tasche), ohne dass Dativ oder Akkusativ benannt werden; dabei prägt sich zugleich der Wortschatz für Alltagsgegenstände und Räume ein. In einem zweiten Schritt werden kurze Bewegungen gezeigt oder gespielt, bei denen ein Gegenstand irgendwohin gelegt, gestellt oder geworfen wird, und die Lernenden beschreiben mit denselben Präpositionen, wohin die Bewegung führt.
Zur Bewusstmachung der Regel eignet sich ein kontrastives Bildpaar: Auf dem einen Bild liegt ein Ball unter dem Stuhl (Zustand, Frage Wo?), auf dem anderen rollt derselbe Ball unter den Stuhl (Bewegung, Frage Wohin?). Die meisten Lernenden erschließen aus dem Vergleich selbst die Regel: Bei einer Ortsangabe steht der Dativ, bei einer Richtungsangabe der Akkusativ. Auf dieser Grundlage lassen sich anschließend weitere Wechselpräpositionen (an, in, neben, zwischen) und die dazugehörigen Verbpaare (legen/liegen, stellen/stehen, hängen) einführen.
Trennbare Verben
Ein möglicher Einstieg beschreibt anhand einer Bildergeschichte einen typischen Tagesablauf, etwa von einer Person, die morgens aufsteht, einkauft und abends fernsieht. Die Lernenden ordnen den Bildern passende Sätze zu oder erzählen den Tagesablauf in eigenen Worten nach; die Verben werden dabei zunächst nur im Kontext gebraucht, ohne dass ihre Trennbarkeit thematisiert wird. Anschließend erhalten die Lernenden Kärtchen mit Verb und Vorsilbe getrennt (auf/stehen, ein/kaufen, an/rufen) und bilden daraus passende Sätze zum Tagesablauf.
Zur Bewusstmachung der Regel eignet sich ein kontrastives Beispiel: Ich rufe meine Schwester an neben Ich besuche meine Schwester. Die Lernenden vergleichen die Satzstellung und erschließen die Regel: Bei manchen Verben wandert die betonte Vorsilbe im Hauptsatz ans Satzende, bei anderen bleibt sie am Verb. Auf dieser Grundlage lassen sich anschließend weitere trennbare und nicht trennbare Verben sowie ihr Verhalten im Nebensatz und im Perfekt einführen.
Beispiele im Internet
Siehe auch
- Aufgabenorientierung
- Entdeckendes Lernen
- Kommunikativer Ansatz
- Grammatikvermittlung
- Formfokussierung
Literatur
- Rösler, Dietmar (2012): Deutsch als Fremdsprache. Eine Einführung. Stuttgart/Weimar: Metzler (2. Aufl. 2023).
Weblinks
- Digitales Lexikon Fremdsprachendidaktik (LMU München)
